Lernidee - Erfolg und Nachfolge
Shownotes
Die Nachfolge, die niemand planen konnte
Als Hans Engberding 2018 die Nachfolge bei Lernidee Erlebnisreisen einleitete, schien die Welt noch in Ordnung. Schon Jahre zuvor hatte es Übernahmeangebote gegeben, darunter dasjenige eines Finanzinvestors, der Lernidee mit Windrose zusammenführen wollte. Rund 18 Mio. Euro standen damals im Raum.
Doch Engberding lehnte ab. Stattdessen entschied sich der Gründer viele Jahre später, das von ihm über 36 Jahre aufgebaute Unternehmen an zwei langjährige Weggefährten zu übergeben: Felix Willeke und Nurlan Mukash.

Von Geschäftsführern zu Inhabern Für die beiden kam diese Entscheidung nicht überraschend, wohl aber mit großer Verantwortung. Als das Angebot auf den Tisch kam, arbeiteten beide bereits seit 17 Jahren für Lernidee und gehörten seit 2013 der Geschäftsführung an.
"Für uns war es etwas Besonderes, dass Hans das selbst aufgebaute Unternehmen an zwei Mitarbeiter übergeben wollte", erinnert sich Mukash beim Live Talk auf fvw.de mit Bianca Wilkens. Gleichzeitig sei der Respekt groß gewesen: Eigentümer zu sein bedeute noch einmal eine völlig andere Verantwortung als die Rolle eines angestellten Geschäftsführers.
Die eigentliche Übergangsphase von 2018 bis 2022 entwickelte sich dann zu einer Herausforderung, die sich niemand hätte vorstellen können. Die Corona-Pandemie und der russische Angriff auf die Ukraine veränderten die Rahmenbedingungen grundlegend.
"2022 war eine völlig andere Welt als 2018", sagt Engberding. Besonders kompliziert wurde die Lage durch die Unternehmensbewertung: Während das Finanzamt den Wert von Lernidee zunächst auf rund 45 Mio. Euro taxiert habe, halbierte die Pandemie diesen praktisch. Und nach dem russischen Angriff legte man sich dann auf gar keine Zahl mehr fest.
Plötzlich fielen 50 Prozent weg Für Willeke und Mukash wurde der Einstieg damit unmittelbar zum Krisenmanagement. Ausgerechnet einen Tag vor dem Beginn des Ukraine-Kriegs sei die Übernahmevereinbarung per Handschlag bekräftigt worden, berichtete Willeke. Danach betrieb das Unternehmen zunächst sechs Monate lang vor allem Schadensbegrenzung.
Das Russland-Geschäft, mit der Transsib über Jahrzehnte tragende Säule des Veranstalters, musste eingestellt werden. "Plötzlich fielen 50 Prozent des Geschäfts weg", sagte Mukash. Zugleich galt es, neue Produkte zu entwickeln und Perspektiven für die Mitarbeiter zu schaffen.
Der Einschnitt traf Lernidee an einem besonders empfindlichen Punkt. Über viele Jahre war das Unternehmen vor allem als Spezialist für Transsib-Reisen bekannt. Zeitweise habe Russland für rund 80 Prozent des Geschäfts gestanden, berichtet Engberding.
Auf der ersten ITB nach der Pandemie seien Branchenkollegen überrascht gewesen, dass Lernidee überhaupt noch existiere. Dabei hatte die Diversifizierung längst begonnen. Auch dank frühzeitiger Impulse aus der fvw sei dem Unternehmen klar gewesen, dass die Abhängigkeit von einem Markt zu groß geworden war.
Vier Spezialisten übernommen Die Nachfolger setzten deshalb konsequent auf Spezialisierung und Diversifizierung. Bereiche wie das klassische FIT-Geschäft wurden aufgegeben. Stattdessen konzentriert sich Lernidee auf Nischen, die sich schwer kopieren lassen: exklusive Bahnreisen, Flusskreuzfahrten und außergewöhnliche Rundreisen.
Gleichzeitig wurden Spezialveranstalter wie Bahnurlaub.de, Schnieder, Galapagos Reisen und Tuja übernommen. Mit Belvelo hatte Lernidee zuvor bereits selbst einen E-Bike-Reiseanbieter aufgebaut. "Wir fokussieren uns auf das, was wir besonders gut können und was andere nicht haben", beschreibt Mukash die Strategie.
Neue Routen und Reiseideen Engberding sagte, er habe nach der Übergabe "ein Jahr auf Flugmodus geschaltet". Einmischungen gab es nicht. Dennoch erinnerte er sich an eigene Erfahrungen in den 90er-Jahren, als internationale Expansionen nicht erfolgreich verliefen. Doch letztlich habe sich die neue Ausrichtung als richtig erwiesen.
Sein Vertrauen in die Nachfolger sei immer groß gewesen. Gleichzeitig bleibt sein Know-how gefragt. Noch immer spürt der Gründer weltweit neue Routen und Reiseideen auf, häufig abseits der ausgetretenen Pfade.
Viele internationale Gäste Die wichtigste Wachstumsplattform sieht das Management heute im Geschäft mit Schiffs- und Bahnreisen. Auf dem Mekong betreibt Lernidee inzwischen drei Schiffe, ein viertes auf dem mittleren Mekong wird ab 2028 im Einsatz sein.
Dabei wächst auch die internationale Nachfrage stetig. Auf einzelnen Zugreisen kommen mittlerweile bis zu 60 Prozent der Gäste über ausländische Vertriebspartner; über das gesamte Portfolio liegt der internationale Anteil bei etwa einem Viertel. Entsprechend investiert Lernidee weiterhin in den Ausbau seines weltweiten Vertriebsnetzes.
Nachfolger und Nachfolgepartner Gleichzeitig profitiert das Unternehmen von den Skaleneffekten der Übernahmen. Gemeinsame Software-Lösungen und zentralisierte Prozesse verschaffen den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern mehr Zeit für Beratung und Kundenservice. Die erworbenen Marken wachsen laut Mukash jährlich um rund 25 Prozent.
Weitere Zukäufe schließt Willeke ausdrücklich nicht aus. Interessant sei dabei, dass viele Unternehmer aus Altersgründen selbst eine Nachfolgelösung suchen. Lernidee kenne diese Situation inzwischen aus beiden Perspektiven: als Nachfolger und als potenzieller Nachfolgepartner.
Trotz aller Wachstumspläne bleibt Risikomanagement ein zentrales Thema. Charterprodukte werden oft zwei bis drei Jahre im Voraus geplant und vermarktet. Fehlentscheidungen können teuer werden.
Engberding erinnert daran, dass von Hunderten Ideen letztlich nur wenige wirklich erfolgreich geworden seien. Ein Kauf eigener Züge in Russland etwa sei letztlich verworfen worden. Rückblickend eine glückliche Entscheidung.
Für die kommenden Jahre formuliert die neue Führung ambitionierte Ziele. Der Umsatz soll innerhalb von fünf Jahren von derzeit rund 50 Mio. auf 80 Mio. Euro steigen.
Gleichzeitig wollen Willeke und Mukash den stationären Vertrieb ausbauen. Denn viele der "Lebenstraum-Reisen" des Veranstalters seien stark beratungsintensiv und ließen sich am besten über Reisebüros verkaufen.
Die Botschaft des Firmengründers an seine Nachfolger fällt dabei klar aus: "Schaut nicht zu viel zurück." Für Lernidee gilt dieser Satz heute mehr denn je. Aus der Nachfolgegeschichte ist längst eine Zukunftsgeschichte geworden.
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